Das meiste, was Forschende über das alltägliche Trinken wissen, stammt aus Erinnerungen. Wie viele Drinks. Wie es sich angefühlt hat. Wann alles verschwommen wurde. Abgefragt werden diese Erinnerungen meist am nächsten Morgen, und das ist ungefähr der schlechteste Zeitpunkt dafür.

Ein Sensor am Handgelenk geht anders vor. Der BACtrack Skyn misst Alkohol über die Haut und zeichnet die Kurve die ganze Nacht lang auf. Ein Team hat ihn 11 Tage lang mit Umfragen auf dem Handy kombiniert. Ich baue eine Trink-App, deshalb interessiert mich ihre Frage: Passt die Form dieser Kurve dazu, wie sich Menschen beim Trinken fühlen?

Größtenteils ja. Der Rest der Antwort hat mit Wochenenden zu tun.

Was sie gemacht haben

Die Forschenden rekrutierten 50 moderate Trinkende zwischen 21 und 25 Jahren. Alle trugen den Skyn 11 Tage am Stück und lebten ihr normales Leben weiter.

Die Seite „Wie fühlt es sich an“ kam aus EMA (Ecological Momentary Assessment). Das sind kurze Handy-Umfragen, die man direkt im Moment beantwortet. Nach jedem Drink füllten die Teilnehmenden eine aus. Auch an Abenden ohne Alkohol bekamen sie mehrere Umfragen, damit das Team eine Vergleichsbasis hatte. Abgefragt wurden:

  • Stimulation und Sedierung, auf einer kurzen Skala für das typische Erst-hoch-dann-runter von Alkohol
  • Stimmung
  • Verlangen
  • wie berauscht sie sich fühlten

Morgens gaben sie außerdem an, wie viele Drinks es am Abend davor gewesen waren.

Aus den Sensordaten zog das Team drei Merkmale der TAC (transdermale Alkoholkonzentration, also Alkohol, der über die Haut gemessen wird):

  • Peak. Der höchste Punkt der Nacht.
  • Fläche. Die Fläche unter der Kurve, grob gesagt die gesamte Alkoholmenge über den Abend.
  • Anstieg. Wie schnell der Pegel kletterte.

Die Rohdaten liefen durch ein eigenes Auswertungstool, den Skyn Data Manager.

Was sie herausfanden

Erst mal hat der Sensor den simplen Plausibilitätscheck bestanden. Alle drei TAC-Merkmale stiegen mit der Zahl der Drinks, die die Leute am nächsten Morgen angaben. Und zwar deutlich.

Dann kam der Teil, der mich neugierig gemacht hat. Das Team rechnete mit gemischten Modellen, die viele Messungen derselben Person über viele Tage hinweg verarbeiten können. So hingen die Sensormerkmale mit dem zusammen, was die Leute im Moment angaben:

  • Peak. Ein höherer Peak ging mit mehr Stimulation, besserer Stimmung, mehr Verlangen und stärker gefühlter Trunkenheit einher.
  • Fläche. Die Gesamtmenge hing mit genau denselben vier Dingen zusammen.
  • Anstieg. Ging es schneller nach oben, sagte das mehr Stimulation, mehr Verlangen und stärker gefühlte Trunkenheit voraus. Die Stimmung fehlt hier.

Sedierung taucht im Abstract gar nicht unter den vorhergesagten Ergebnissen auf. Bevor ich daraus etwas ableite, bräuchte ich die vollständigen Zahlen.

Spannend wird es beim Wochenende. Am Wochenende sagte der TAC-Peak die gefühlte Trunkenheit stärker voraus als unter der Woche. Derselbe Unterschied im Peak bedeutete an einem Samstag einen größeren Sprung im Betrunkensein als an einem Dienstag.

Warum, sagt das Abstract nicht. Meine Vermutung: Wochenendabende dauern länger, finden an lauteren Orten statt oder man achtet einfach mehr darauf, wie man sich fühlt. (Reine Vermutung. Die Studie prüft das nicht.)

Was das bedeutet

Am meisten beschäftigt mich das Ergebnis zum Tempo. Die Anstiegsrate hing mit dem Verlangen zusammen: Kletterte die Kurve schneller, wollten die Leute mehr. Die Daten sind korrelativ, die Richtung bleibt also offen. Vielleicht heizt ein schneller Anstieg das Verlangen an. Vielleicht trinken Leute, die sowieso Lust auf mehr haben, eben schneller. So oder so kamen Tempo und Verlangen zusammen vor. Das sollte man über sich wissen.

Genau da setzt AlcoBalance an. Die App liest nicht deine Haut. Sie arbeitet mit den Drinks, die du einträgst, und mit einer Berechnung, die auf dich abgestimmt ist, nicht auf Durchschnittswerte. Die Frage ist aber dieselbe wie beim Sensor: Wie schnell steige ich gerade? An einem Wochenendabend zieht das Tempo schnell mal an, ohne dass man es merkt. Bekommst du den Anstieg mit, während er passiert, bleibt dir Spielraum, bewusst runterzuschalten. Vor dem Peak, solange du den Abend noch steuerst.

Der Wochenendeffekt zeigt in eine andere Richtung. Wie betrunken du dich fühlst, hängt nicht nur vom Alkohol in deinem Körper ab. Der Kontext verschiebt das Gefühl. Eine Studie, über die ich schon geschrieben habe, fand heraus, dass ausgerechnet die am stärksten Berauschten am schlechtesten einschätzen konnten, wie betrunken sie waren. Hier änderte sich der Zusammenhang zwischen Peak und Gefühl je nach Wochentag. Pegel und Gefühl bewegen sich zusammen. Aber nur lose.

Zur Reichweite: Das waren 50 Leute zwischen 21 und 25, die moderat trinken. Auf ältere oder stärker Trinkende würde ich das Muster nicht übertragen. Einen Abgleich des Sensors mit Atem- oder Blutwerten erwähnt das Abstract auch nicht. Die TAC-Werte sagen hier also etwas über Drinks und Gefühle, aber nichts über deinen genauen Promillewert (BAK, Blutalkoholkonzentration).

Mein praktisches Fazit ist klein und konkret. An Wochenendabenden verrät die Höhe deines Peaks offenbar mehr darüber, wie betrunken du dich fühlen wirst. Ein guter Grund, darauf zu achten, wie schnell du steigst. Nicht nur darauf, wie viele Drinks du hattest.

Quelle: Alcohol, Clinical & Experimental Research, DOI