66 Personen sahen Fremden zu, die emotionale Geschichten aus ihrem eigenen Leben erzählten. Ein Teil trank dabei Bier, der Rest eine 0,0-%-Version desselben Biers. Auch mit Alkohol im Blut erkannten die Teilnehmenden noch, wie sich die Erzählenden fühlten. Die Veränderung war leiser: Manche der Trinkenden waren weniger bereit, einer Person in Not zu helfen.

Ich hatte eine simple Replikation erwartet. Gefunden habe ich etwas Seltsameres.

Was sie gemacht haben

Eine frühere Studie hatte gezeigt, dass Männer nach einer moderaten Menge Spirituosen positive Emotionen bei anderen schlechter erkannten. Am deutlichsten war der Rückgang bei Menschen, die von vornherein nicht riskant tranken. Dieses Team wollte wissen, ob das auch bei Bier passiert.

Der Aufbau:

  • 66 Teilnehmende, 62 % Männer
  • 28 tranken Bier mit 6,6 % Alkohol, 38 die 0,0-%-Version davon (das Placebo)
  • Alle füllten vorher Fragebögen aus: den AUDIT (ein Standard-Screening für riskanten Alkoholkonsum), eine Skala zu Empathie als Persönlichkeitsmerkmal und eine Umfrage dazu, warum sie trinken

Dann kam die Hauptaufgabe, einmal vor dem Trinken und einmal danach. Die Teilnehmenden sahen Videoclips von Menschen, die über emotionale Ereignisse aus ihrem Leben sprachen, und schätzten ein, wie sich die Person beim Erzählen fühlte. Die Forschenden nennen das empathische Genauigkeit. Also: Wie gut erkennst du, was ein anderer Mensch fühlt?

Neu war ein zweites Maß. Die Teilnehmenden lasen Szenarien über Menschen in Not und gaben an, ob sie helfen würden. Das ist die Verhaltensseite von Empathie, also nicht das, was du wahrnimmst, sondern das, was du daraus machst. Ein Haken: Die Szenarien waren hypothetisch. Gemessen wurde die erklärte Hilfsbereitschaft, nicht echtes Verhalten.

Was sie herausgefunden haben

  • Emotionen erkennen. Der frühere Befund ließ sich nicht replizieren. Mit Bier erkannten die Leute positive Emotionen in den Clips genauso gut wie vorher.
  • Helfen. Wer normalerweise nicht riskant trinkt, war nach dem Alkohol weniger bereit, Menschen in Not zu helfen.
  • Moderatoren. Weder Empathie als Persönlichkeitsmerkmal (wie leicht jemand mitfühlt, was andere fühlen) noch Trinken, um mit Problemen klarzukommen, änderte etwas Nennenswertes an den Ergebnissen.

Die Autorinnen und Autoren bleiben vorsichtig. Alkohol könnte Empathie verändern, aber die Effekte sind nicht konsistent und hängen womöglich von der Dosis und der Art des Getränks ab. Empathie als Persönlichkeitsmerkmal und Aggressivität wollen sie sich noch genauer ansehen.

Was das bedeutet

Zwei Dinge sind mir aufgefallen.

Erstens: Sehen und Handeln laufen auseinander. Eine moderate Menge Bier ließ die Wahrnehmung in dieser Studie intakt. Eine traurige Geschichte blieb traurig. Die Verschiebung kam einen Schritt später, bei der Frage, ob man etwas tun würde. Genau das macht sie unangenehm, denn du merkst sie nicht. Du verstehst die Geschichte ja noch. Es ist dir nur ein bisschen weniger wichtig, etwas dafür zu tun.

Zweitens traf der Effekt die leichteren Trinker. Die ältere Studie mit Spirituosen zeigte in dieselbe Richtung, ein Einzelfall ist es also wohl nicht. Meine Vermutung (und mehr ist es nicht, das Abstract prüft sie nicht): Wer öfter trinkt, kennt das Gefühl einer moderaten Menge schon, während leichtere Trinker bei derselben Menge die volle Wirkung abbekommen. Wenn das stimmt, heißt „es sind doch nur ein paar Bier“ für verschiedene Menschen etwas ganz anderes.

Ich würde das alles mit Vorsicht lesen. Die Gruppen waren klein, nur 28 Personen haben tatsächlich getrunken. Und das Hauptergebnis der früheren Studie hat sich hier schlicht nicht gezeigt. Ein Befund verschwand, ein neuer tauchte auf. Genau deshalb nennen die Autorinnen und Autoren die Effekte inkonsistent.

Trotzdem passt das Muster zu etwas, das mir immer wieder begegnet: Alkohol verändert uns so, dass wir es von innen nicht spüren. In einer verwandten Studie konnten die am stärksten berauschten Personen am schlechtesten einschätzen, wie betrunken sie waren. Diesmal geht es um Hilfsbereitschaft statt um Rausch. Der blinde Fleck ist derselbe.

Diese Lücke zwischen dem, wie du dich fühlst, und dem, wo du wirklich stehst, ist der Grund, warum ich AlcoBalance baue. Nach ein paar Bier fühlt sich niemand weniger freundlich. Aber wenn du deinen eigenen Rhythmus siehst und wie weit du von deinem Peak entfernt bist, hast du einen Moment, um zu merken, dass der Abend schon etwas mit dir gemacht hat. Dann entscheidest du, wie der Rest läuft, solange du noch selbst am Steuer sitzt.

Für mich ist das kein Grund, weniger zu trinken. Eher ein Grund zu wissen, welche Version von dir gerade im Raum ist, wenn ein Freund oder eine Freundin Hilfe braucht.

Quelle: Human Psychopharmacology, DOI