Rund 4.000 Erwachsene aus Vorpommern im Nordosten Deutschlands wurden über mehr als zwei Jahrzehnte begleitet. Niedriges Einkommen und starkes Trinken gingen jeweils mit einem um 31 % höheren Sterberisiko einher. In der ärmsten Gruppe haben sich die beiden Risiken womöglich addiert.

Über das Alkohol-Schaden-Paradox habe ich schon einmal geschrieben. Ärmere Gemeinschaften trinken oft genauso viel wie wohlhabendere, manchmal sogar weniger, tragen aber mehr vom Schaden. Die meisten Studien dazu zählen nur Todesfälle, die direkt auf Alkohol zurückgehen. Diese hier fragt breiter: Gilt dasselbe Muster auch für Todesfälle jeder Ursache?

Was sie gemacht haben

Die Daten stammen aus SHIP-START (Study of Health in Pomerania). Zwischen 1997 und 2001 wurden 4.307 Erwachsene befragt und medizinisch untersucht. Danach verfolgten die Forschenden die Todesfälle bis Januar 2023.

Den sozioökonomischen Status maßen sie zweimal: über das Einkommen und über die Bildung, jeweils getrennt ausgewertet. Daraus ergaben sich zwei Stichproben, 3.771 Personen mit Einkommensdaten und 3.939 mit Bildungsdaten. Gestorben sind im Beobachtungszeitraum 981 Personen aus der Einkommensstichprobe. Bei der Bildung waren es 1.047.

Zu Beginn erfassten sie außerdem:

  • wie viel jede Person trank, auch bei ehemaligen Trinkenden, die aufgehört hatten
  • Blutwerte, die mit langjährigem starkem Trinken zusammenhängen
  • Alter, Geschlecht, Familienstand, Rauchen und BMI (Body-Mass-Index), um die Ergebnisse darum zu bereinigen

Gerechnet wurde mit zwei Arten von Überlebensmodellen. Das eine liefert das relative Risiko, also die vertraute Angabe „X % höher“. Das andere liefert das absolute Zusatzrisiko. Wer wissen will, wie zwei Faktoren zusammenwirken, braucht beides.

Was sie gefunden haben

Nach Bereinigung um Alter, Rauchen und die übrigen Faktoren:

  • Niedriges Einkommen: 31 % höheres Sterberisiko als bei hohem Einkommen (HR, also Hazard Ratio, 1,31).
  • Starkes Trinken: ebenfalls 31 % höher als bei leichtem Trinken (HR 1,31).
  • Ehemalige Trinkende: Wer früher getrunken und dann aufgehört hatte, trug das höchste Risiko aller Gruppen, nämlich 56 % mehr (HR 1,56).
  • Biomarker: Je höher die alkoholbezogenen Blutwerte, desto höher die Sterblichkeit.

Sobald Rauchen, BMI und Trinkverhalten eingerechnet waren, schrumpfte der Abstand zwischen Arm und Reich. Verschwunden ist er nicht. Weniger Geld hing weiterhin mit einem früheren Tod zusammen, und zwar über alle gemessenen Risikofaktoren hinaus.

Dann ging es um Kombinationen. Einiges deutet darauf hin, dass sich die Risiken gegenseitig verstärken. Ehemalige Trinkende mit niedrigem Einkommen, ebenso Menschen mit wenig Geld, die moderat oder stark tranken, lagen höher, als Einkommen oder Alkohol allein erwarten ließen. Die Autorinnen und Autoren bleiben da vorsichtig. Ich auch. Teilt man 4.000 Menschen erst nach Einkommen und dann nach Trinkmenge auf, bleiben manche Gruppen ziemlich klein. Solche Wechselwirkungsschätzungen stehen auf wackligen Beinen.

Was das bedeutet

Hängen geblieben sind bei mir die gleichen Zahlen. In dieser Kohorte ging niedriges Einkommen mit etwa demselben Sterberisiko einher wie starkes Trinken. Irgendwo habe ich die Studie mit „Sozialer Status ist wichtiger als Alkohol“ zusammengefasst gesehen. Das steht so nicht in den Daten. Dort steht: Beides ist ungefähr gleich groß und verschlimmert sich vielleicht gegenseitig.

Den Befund zu den ehemaligen Trinkenden lese ich nicht als „Aufhören ist gefährlich“. Die Forschung kennt dafür ein Muster, den „Sick-Quitter“-Effekt: Viele hören auf zu trinken, weil sie schon krank sind. Gemessen wurde das Trinken nur einmal, zu Beginn. Wer aus gesundheitlichen Gründen aufgehört hat und wer aus anderen, kann die Studie also nicht trennen. Dieselbe Verzerrung bläht übrigens auch Behauptungen über gesundheitliche Vorteile geringer Mengen auf, darüber habe ich ebenfalls geschrieben. Stecken in der Gruppe der Nichttrinkenden kranke Ex-Trinkende, wirken moderate Trinkende gesünder, als sie sind.

Allzu weit würde ich das trotzdem nicht verallgemeinern:

  • Es geht um eine einzige Region in Deutschland, gemessen um das Jahr 2000.
  • Einkommen und Trinken wurden einmal erfasst und können sich in 25 Jahren stark verändert haben.
  • Die Studie ist eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursache und Wirkung.

Der Kernbefund passt aber zu vielen früheren Arbeiten. Dasselbe Glas wiegt offenbar unterschiedlich schwer, je nachdem, was sonst in deinem Leben los ist. Mit Geld kauft man Dinge, die Risiken abfedern: besseres Essen, sicheres Wohnen, weniger Dauerstress, einen kürzeren Weg zum Arzt. Gemessen hat die Studie davon nichts, das ist meine eigene Vermutung zum Mechanismus. Die Autorinnen und Autoren sagen nur, dass der Unterschied nach ihren Bereinigungen bestehen blieb.

Und beim Trinken? „Hoher Konsum“ ist in so einer Studie ein Durchschnitt über lange Zeit. Nur entsteht jeder Durchschnitt Abend für Abend, und vieles kippt an Abenden, an denen das Tempo anzieht, ohne dass du es merkst. Genau das lässt sich in Echtzeit sehen. AlcoBalance zeigt dir, wohin ein Abend läuft, solange er noch läuft. So merkst du, wenn es schneller wird, und kannst bewusst runterschalten. Steuern tust du weiterhin selbst. Eine Wochensumme besteht zum größten Teil aus genau solchen Momenten.

Am Einkommen lässt sich mitten an einem Abend schlecht drehen. Deshalb ist diese Studie unbequem. Sie stellt einen Faktor, den du heute Abend ändern kannst, neben einen, den du kaum ändern kannst, und findet beide ungefähr gleich groß.

Quelle: Alcohol, Clinical and Experimental Research, DOI