Der Titel dieser Studie besteht aus fünf Wörtern in Anführungszeichen: „I don't know for certain.“ Ich vermute, die Autorinnen und Autoren haben genau diesen Satz gewählt, weil er den Kern trifft. Beim Ausgehen geht etwas schlimm schief, und hinterher lässt sich oft nicht mehr klären, was eigentlich passiert ist.

Für diesen Blog lese ich viel Alkoholforschung. Meistens geht es darum, wie viel Menschen trinken und was das mit Körper und Entscheidungen macht. Hier geht es um etwas anderes: was jemand anderes ins Glas gibt.

Was sie gemacht haben

Das Team hat Reddit inhaltsanalytisch ausgewertet: 91 Threads über Drink-Spiking mit insgesamt 14.284 Kommentaren. Inhaltsanalyse heißt hier schlicht: lesen, was Menschen geschrieben haben, und es nach wiederkehrenden Themen ordnen.

In den Daten tauchten zwei Arten von Stimmen auf:

  • Betroffene, die erzählen, was ihnen passiert ist
  • Umstehende, die dabei waren, als es jemand anderem passierte

Das ist qualitative Forschung. Keine Raten, keine Prozentzahlen, keine Vergleichsgruppe. Und die 14.284 sind Kommentare, keine Personen. Niemand hat die Geschichten mit Krankenakten oder Polizeiberichten abgeglichen. Du bekommst also das, was die Leute selbst erzählen. Bei so einem Thema sind solche Berichte aus erster Hand aber vielleicht trotzdem das Genaueste, was es gibt.

Was sie gefunden haben

Die Forschenden ordneten das Material vier Themen zu.

  • Kontext. Viele Berichte kamen von Frauen, die Täter waren meist Männer. Es passierte vor allem in Bars, auf Partys oder in Privatwohnungen. Alkohol war im Spiel, und wahrscheinlich wurden ohne Einverständnis auch andere Substanzen verabreicht.
  • Folgen. Viele Betroffene schilderten psychische Folgen, die lange nach der eigentlichen Nacht noch da waren.
  • Umstehende. Was die Leute um die betroffene Person herum in dem Moment getan haben.
  • Hilfesuche. Was danach kam, als Betroffene Unterstützung suchten. Viele beschrieben, dass Rettungsdienste unzureichend reagierten.

Das Abstract schlüsselt das Thema Umstehende nicht in konkrete Handlungen auf. Ich spekuliere deshalb nicht darüber, was geholfen hat und was nicht.

Zwei Details gehen mir nicht aus dem Kopf. Das eine ist die Liste der Orte. Bars, klar, damit hatte ich gerechnet. Aber eben auch Privatwohnungen und Partys. Das andere ist das Wort „wahrscheinlich“ in der Zusammenfassung. Nach 14.284 Kommentaren sprechen die Forschenden immer noch von wahrscheinlich verabreichten Substanzen. Dieselbe Unsicherheit wie im Titel.

Was das bedeutet

Die Autorinnen und Autoren geben zwei Empfehlungen. Beide kamen mir zuerst klein vor. Inzwischen sehe ich das anders.

Die erste betrifft die Sprache. Sie schlagen vor, „Drink-Spiking“ durch „alkohol- und drogenbegünstigte sexualisierte Gewalt“ zu ersetzen, weil der Begriff inklusiver sei. Wen genau der neue Begriff einschließt, sagt das Abstract nicht, das Folgende ist also meine eigene Lesart. „Drink-Spiking“ rückt ein manipuliertes Getränk in den Mittelpunkt. Der längere Begriff benennt die Gewalt, und er umfasst Alkohol selbst genauso wie andere Substanzen. Ob eine zweite Substanz je nachgewiesen wurde, ist dann weniger entscheidend dafür, wie man den Schaden benennt. Viele Betroffene können das schlicht nicht nachweisen. Klein ist diese Verschiebung also nicht.

Die zweite betrifft die Reaktion. Die Autorinnen und Autoren fordern Interventionen, die das Erlebte der Betroffenen anerkennen. Legst du das neben das Thema Hilfesuche, ergibt das sofort Sinn. Jemand, der selbst nicht sicher sagen kann, was ihm passiert ist, bittet um Hilfe. Ist die erste Antwort Zweifel, wird der Zweifel Teil des Schadens. Die beschriebenen psychischen Langzeitfolgen kann ich kaum lesen, ohne das im Hinterkopf zu haben.

Dass Bars in den Daten vorkommen, hat mich an eine Übersichtsarbeit erinnert, über die ich geschrieben habe: was Schäden im Nachtleben in und um Bars verringert. Dort ging es um betrunkene Gäste und darum, wie Lokale mit ihnen umgehen. Diese Studie handelt von gezieltem Schaden in denselben Räumen. Und in Privatwohnungen, wo keine Hausregel mehr greift.

Eine Einschränkung noch. Reddit ist keine Zufallsstichprobe, und die Geschichten lassen sich nicht überprüfen. Über die Häufigkeit von Spiking sagt die Studie deshalb wenig. Dafür viel darüber, wie es sich anfühlt, wenn es passiert: wen es eher trifft, wo, und wie die Wochen und Monate danach aussehen.

Also zurück zum Titel. „I don't know for certain“ ist oft der ehrlichste Bericht, den ein Mensch geben kann. So wie ich die Autorinnen und Autoren verstehe, lautet ihr Argument: Hilfe für jemanden in dieser Lage sollte nicht von einer Gewissheit abhängen, die er vielleicht nie bekommt.

Quelle: Violence Against Women, DOI