Forscher haben drei Versionen von personalisiertem Feedback zum Trinkverhalten gegeneinander antreten lassen. Gleiche Daten, gleicher Versand per E-Mail, nur das Format war jeweils anders. Nach 90 Tagen stand fest: Das Format wirkt. Jedenfalls darauf, wie oft jemand trinkt.
Was sie gemacht haben
222 junge Erwachsene, die regelmäßig tranken (Durchschnittsalter 21), kamen per Blockrandomisierung in eine von drei Feedback-Bedingungen, stratifiziert nach Alkoholkonsum-Level und Impulsivität:
- Text. Von Forschenden verfasstes Feedback in Absatzform zu Alkoholkonsum und Gehirngesundheit.
- Forscher-Bild. Derselbe Inhalt, vom Forschungsteam als Visualisierung gestaltet.
- Co-designtes Bild. Ein visuelles Format, gebaut nach dem, was Nutzer sich gewünscht hatten.
Das co-designte Format entstand vorher, in einer eigenen Phase. 40 Teilnehmende beschrieben in Fokusgruppen, welches Feedback sie wirklich erreichen würde. Sechs Themen kamen dabei heraus: visuelle Darstellung, Klarheit, Zugänglichkeit, Kürze, Vergleich mit Gleichaltrigen und Schaden. Daraus bauten die Forscher die dritte Bedingung.
Verschickt wurde alles per E-Mail. Über rund 90 Tage maß das Team Gesamtalkoholkonsum, Trinkhäufigkeit und alkoholbedingten Schaden. Ein paar Wochen nach dem ersten Feedback kamen noch Fähigkeit, Gelegenheit und Motivation zur Veränderung dazu, die drei Faktoren, die die Studie als Prädiktoren für Verhaltensänderung behandelte.
Was sie herausgefunden haben
Jede Gruppe trank weniger. Selbst die nüchterne Text-E-Mail bewegte etwas. Der Gesamtalkoholkonsum sank in allen drei Bedingungen (η²=0,11), alkoholbedingter Schaden ging ebenfalls zurück (η²=0,05). Eine unbehandelte Kontrollgruppe gab es nicht, also kann ich eine Regression zur Mitte nicht ausschließen. Die Rückgänge waren aber konsistent.
Der Format-Unterschied zeigte sich bei der Trinkhäufigkeit:
- Bildbasiert (sowohl Forscher- als auch co-designtes Format): Effektstärke d=0,56 für die Reduktion der Trinktage
- Textbasiert: d=0,39
Nach herkömmlichen Maßstäben sind das bescheidene Effektstärken. Der Abstand zwischen 0,56 und 0,39 ist real, dramatisch ist er nicht. Konsistent war er trotzdem: Beide bildbasierten Bedingungen schlugen den Text bei der Häufigkeit.
Bei der Präferenz war die Sache deutlicher. Am liebsten mochten die Teilnehmenden die co-designte Visualisierung, d=0,55 gegenüber dem Forscher-Bild, d=0,83 gegenüber dem Text. Nur brachte diese Präferenz nichts. Co-designtes und forscher-gestaltetes Bildformat schnitten beim tatsächlichen Konsum identisch ab.
Auf Fähigkeit, Gelegenheit und Motivation zur Veränderung hatte das Format ebenfalls keinen Effekt (η=0,01). Es veränderte also das Verhalten, ohne vorher die geäußerten Absichten zu verändern.
Was das bedeutet
Die Stichprobe ist jung, Durchschnittsalter 21, deshalb würde ich das nicht auf ältere Trinkende hochrechnen. Selbstberichteter Konsum rauscht zusätzlich. Und ohne eine Gruppe ganz ohne Feedback lässt sich der Format-Effekt schwer davon trennen, dass da überhaupt jemand Feedback bekommt.
Plausibel finde ich den Unterschied zwischen Bild und Text trotzdem.
Ein Diagramm deiner Trinkdaten und ein Absatz darüber sind zwei verschiedene Arten von Information, auch wenn die Fakten dahinter dieselben sind. Das Diagramm wirkt wie ein Fakt über dich, jetzt, in diesem Moment. Der Absatz ist ein Bericht. Ich vermute, dass beides unterschiedliche Reaktionen auslöst. Das ist aber Spekulation: Die Studie erklärt den Mechanismus nicht, sie zeigt nur, dass es ihn gibt.
Am spannendsten finde ich den Co-Design-Befund. Die Teilnehmenden haben mitgebaut, was sie sich wünschten, und sie mochten das Ergebnis auch tatsächlich lieber. Bessere Ergebnisse brachte es nicht. Bessere User Experience heißt eben nicht bessere Verhaltensänderung.
An einem Abend, an dem du am Tisch mithältst, wirkt eine Textzusammenfassung deiner Drinks anders als eine Kurve. Zu sehen, wie dein BAC-Wert auf seinen Peak zuläuft und danach abklingt, setzt dich anders zum nächsten Drink ins Verhältnis als die Zeile „3 Standarddrinks". AlcoBalance zeigt dir diese Kurve in Echtzeit. Kein Bericht über das, was war, sondern wo du gerade stehst und wohin es geht.
Quelle: Journal of Medical Internet Research, 10.2196/87393



