Dieses Maß an Selbstwahrnehmung erwartet man eigentlich nicht von Menschen in aktiver psychiatrischer Behandlung. Die Annahme lautet meist: problematisches Trinken und emotionale Einsicht gehen nicht zusammen. Wer in der Krise steckt, sieht den Zusammenhang mit der eigenen Stimmung entweder nicht - oder will ihn nicht aussprechen. Zwölf junge Erwachsene in einem teilstationären Behandlungsprogramm sagten das Gegenteil. Sie benannten die Emotionen, die sie zum Trinken trieben. Sie beschrieben den Mechanismus. Und als Forscher ihnen ein Konzept für ein mobiles Tool vorstellten, das genau in diesen Momenten Alternativen vorschlagen würde, sagten die meisten: Ja, das würde ich nutzen.
Interessant ist das schon, noch bevor man beim Vorbehalt zur Stichprobengröße ankommt.
Was sie getan haben
Rekrutiert wurden 12 junge Erwachsene zwischen 18 und 25, alle aus einem teilstationären Behandlungsprogramm - eine Stufe unter der vollstationären Aufnahme. Die Kriterien für die Teilnahme waren eng: mindestens einmal die Woche trinken, mindestens einmal im Monat Rauschtrinken, gezielt trinken, um negative Emotionen abzufedern, dazu aktive Symptome von Depression, Angst oder beidem.
Methodisch qualitativ: Einzelinterviews, zwei Teile. Zuerst beschrieben die Teilnehmer, was sie zum Trinken trieb - was sie vorher fühlten, was sie sich davon erhofften. Dann stellten die Forscher ein Konzept für eine EMI-App vor (ecological momentary intervention): ein mobiles Tool, das Momente gedrückter Stimmung und Alkoholverlangen erkennt und genau dann eine Bewältigungsoption anzeigt. Danach baten sie um Feedback: Was würden sie ändern, was fehlte.
Was sie herausgefunden haben
Vier Themen kamen immer wieder.
Motivationen. Angst und Depression wurden am häufigsten genannt - wenig überraschend bei diesen Auswahlkriterien. Daneben aber auch Schuldgefühle, Einsamkeit, andere unangenehme Gefühle. Auffällig war die Präzision, mit der die Leute die Kette nachzeichneten: emotionaler Auslöser, Entscheidung zu trinken, erwartetes Ergebnis. Kein vager Stressabbau. Selbstmedikation mit klarem Ziel, und sie wussten das genau.
Gesunde Bewältigung. Direkt gefragt, konnten die meisten Alternativen benennen - Sport, mit jemandem reden, sich ablenken. Das Wissen war da. Im entscheidenden Moment kam nur keiner daran.
App-Konzept. Den meisten gefiel die Idee. Immer wieder ging es um die Mobilität: ein Tool für die Hosentasche fühlte sich an wie die „nächste Stufe“ - etwas, an dem man sich festhalten kann, wenn es von der intensiven teilstationären Behandlung in die viel lockerere ambulante Versorgung geht.
Vorschläge. Das Feedback war konkret: spielerischer machen, damit man dranbleibt. Navigation aufräumen. Inhalte, die sich an die Person anpassen. Eine soziale Ebene.
Was das bedeutet
Zwölf Menschen, alle in aktiver psychiatrischer Behandlung, alle motiviert genug, sich freiwillig für ein qualitatives Interview zu melden. Wer sich so meldet, ist nicht der Durchschnitt. Die Begeisterung für ein App-Konzept fällt in so einer Gruppe fast sicher größer aus als später in der Breite.
Trotzdem lohnt das Bild darunter eine Pause. Menschen, die trinken, um Angst und Depression auszuhalten, haben - zumindest hier - einen ziemlich klaren Blick auf das, was sie tun. Sie verleugnen den Zusammenhang zwischen Stimmung und Trinken nicht. Sie können ihn benennen. Die Lücke ist praktischer Natur: In dem Moment, in dem das Verlangen einsetzt, liegt der Drink am nächsten - und alles andere eben nicht.
Genau da setzt eine EMI an: eine Bewältigungsoption im richtigen Moment, nicht erst am nächsten Morgen in der Therapie.
Hängen geblieben ist bei mir auch das Bild von der „nächsten Stufe“. Psychiatrische Versorgung läuft in Stufen ab - vollstationär, teilstationär, ambulant, gar nichts. Der Sprung von intensiver klinischer Begleitung zum Alleinklarkommen ist steil, und genau in dieser Übergangszone rutschen Menschen ab. Ein mobiles Tool, das dazwischen ansetzt, gibt es bisher kaum. Ob so etwas trägt, ist offen - die Studie hat Feedback zu einem Konzept eingesammelt, kein fertiges Produkt erprobt. Die, die es nutzen würden, wollen es jedenfalls.



